Interview

Sarah Graf

Die Menschen in der Türkei sind als kinderfreundlich bekannt. Wie sehr, das weiß die Deutsche Sarah Graf, die mit ihrer Familie in Istanbul lebt. Ein Interview vor Ort.

Kinder willkommen!

Seit zwei Jahren leben Sarah Graf und ihr Mann mit ihren beiden Töchtern in Istanbul. Die Eingewöhnung fiel der Familie leicht. „Die Menschen in der Türkei sind sehr warmherzig und offen Fremden gegenüber. Unsere neuen Nachbarn haben uns sofort in ihren Alltag einbezogen“, erinnert sich Sarah Graf. Was die Familie jedoch anfangs irritierte: die fast schon sprichwörtliche Kinderfreundlichkeit der Türken. Sie führte dazu, dass die Grafs die eine oder andere ungewöhnliche Situation erlebten – für deutsche Verhältnisse. „Colors of Turkey“ hat Sarah Graf in Istanbul besucht.

Sarah, ihr lebt seit zwei Jahren hier. Wie ist es euch anfangs ergangen?

Wir hatten vorher überhaupt keinen Bezug zur Türkei, die neuen Nachbarn in Istanbul haben uns aber sehr freundlich aufgenommen. Ich kann mich an keine einzige negative Erfahrung erinnern. Nur wie sehr die Menschen hier Kinder lieben, das war uns nicht wirklich bewusst.

In welcher Situationen wurde dir das klar?

Als wir zum ersten Mal Istanbul erkundeten, nutzten wir die öffentlichen Verkehrsmittel. Unsere Töchter waren damals zwei und acht Jahre alt. Wir saßen in einem Bus ganz hinten und hatten den Kinderwagen dabei. Ungefähr zwei Stationen vor unserem Ziel dachten wir, es wäre Zeit aufzustehen und uns im vollbesetzten Bus einen Weg zur Tür zu bahnen. Ein Fehler!

Warum?

Als die Leute im Bus das mitbekamen, dachten sie, wir wollten mit unseren Kindern sofort raus. Der Kinderwagen wurde nach vorne durchgereicht, einer rief laut „Stop!“. Viele stiegen aus, um uns Platz zu machen. Ehe wir uns versahen, standen wir draußen auf der Straße – ein paar hundert Meter zu früh. Den Rest mussten wir marschieren.

Woran musstet ihr noch gewöhnen?

Zum Beispiel, dass auch türkische Männer fremde Kinder auf Wangen und Stirn küssen oder ihnen einfach etwas schenken. Man stelle sich das in Deutschland vor: Jemand spricht fremde Kleinkinder und schenkt ihnen Süßigkeiten. In Istanbul ist das völlig normal. Das war für uns und auch unsere Kinder sehr gewöhnungsbedürftig. Heute können wir alle, vor allem die Kleinen, diese positive Aufmerksamkeit genießen.

Was unterscheidet die türkische Art der Kindererziehung von der deutschen?

Die Istanbuler schicken ihre Kinder zum Beispiel nur dann zum Spielen nach Draußen, wenn es trocken und windstill, nicht kälter als 20 und nicht wärmer als 30 Grad ist. Sie sind sich sicher, dass ihre Kinder sich sonst erkälten. Manchmal muss ich überraschten Eltern auf dem Spielplatz erklären, dass es für mich völlig in Ordnung ist, wenn meine Jüngste mit Sand spielt. Dass ich meine Kinder früh ins Bett schicke –  für türkische Eltern ein Schock. Vor allem in den Sommerferien lassen sie ihre Kinder bis zum Umfallen auf. Nachbarinnen haben mich besorgt gefragt, warum meine Große nicht mehr raus zum Spielen kommen dürfe – um Mitternacht!

Wie fühlt ihr euch als Eltern in Istanbul im Unterschied zu Deutschland?

Hier sind wir zum Beispiel in jedem Restaurant herzlich willkommen – das ist in Deutschland oft nicht so. Oder wenn meine Kinder mal versehentlich ein Glas umwerfen, das stört hier niemanden. In Deutschland hat man das Gefühl, mit Kindern immer im Weg zu sein. Sobald wir in Istanbul mit unseren Kindern einen Raum betreten, schlägt uns hier eine Welle der Begeisterung entgegen. Familie gilt in der Türkei als hohes Gut, dem große Wertschätzung entgegengebracht wird.

Autor Christian Sobiella