Porträt

Modedesignerin Gülçin Çengel

Frauen müssen stark sein, sagt die Designerin Gülcin Cengel. Das drückt sie auch in ihrer Mode aus.

Inspiration Istanbul

Ein paar Hochhäuser stehen hier im nördlichen Teil des Istanbuler Stadtteils Beşiktaş, wenige Geschäfte und einige Mehrfamilienhäuser. In einer schmalen Straße, in der Menekşe Sokak 55, lebt und arbeitet die Designerin Gülcin Gengel. Zusammen mit ihrer Schwester bewohnt sie ein kleines Reihenhaus. Im Wohnzimmer hat die 29-Jährige ihren Showroom eingerichtet, im Untergeschoss befindet sich eine kleine Schneiderei, gelebt wird im ersten Stock. Im Showroom steht eine gemütliche Couch, an der Wand ein riesiger Spiegel, ein Beistelltisch, sonst nichts. Hier hängen Gülcins Entwürfe, wenige Hosen, ein paar Röcke, viele Kleider, die Stücke aus der letzten Herbst-/Winterkollektion neben den neuesten Entwürfen für den Sommer. Die Schuhe, die darunter stehen, sind ebenfalls ihre Entwürfe.

„Ich zeichne, seit ich denken kann”

Gülcin Cengel

Gülcin, die ihr Haar kurz geschnitten und blond gefärbt trägt, brauchte was länger, um sich für ihren Beruf zu entscheiden. Nach dem Abitur hat sie in Izmir die Hochschule für schöne Künste besucht. Industrie- oder Modedesign, das war dort die Frage. Zwischenzeitlich ging sie auf eine Schule für Wirtschaft, man weiß ja nie. Schließlich reiste Gülcin nach Chicago, um an einem Kunstinstitut Kurse zu belegen. Dort entdeckte sie, wie „spannend das Zusammenspiel von menschlichem Körper und funktionellem Design ist.“ Und dort fiel auch der Entschluss: „Ja, ich möchte Modedesignerin werden.“

 

Zurück in Istanbul, gründete Gülcin ihr eigenes Label

Anschließend ging Gülcin nach London, um Bora Aksu zu assistieren. Aksu, ein bekannter türkisch-stämmiger Designer, arbeitete unter anderem schon für Nike oder Converse, gewann mehrere Modepreise, nähte Kleider für Keira Knightley oder Sienna Miller.

Zurück in Istanbul gründete sie ihr eigenes Label. „Istanbul ist im Vergleich zu Mailand oder Paris noch ein Baby in Sachen Mode“, sagt Gülcin. „Aber eines, das schnell wächst“! In der Türkei sei Istanbul der einzige Ort, an dem man mit einem Modelabel erfolgreich sein könne. Und die Stadt am Bosporus inspiriert sie, weil sie Istanbul kaum kennt. Geboren ist sie in Dortmund, aufgewachsen in Denizli, einer Stadt mit einer Million Einwohner, drei Autostunden südöstlich von Izmir; das für seine weißen Kalkterrassen berühmte Pamukkale liegt in der Nähe.

„In Istanbul passiert mir Inspiration im alltäglichen Leben, überall. Das kann ein Gebäude sein, das ich noch nie zuvor gesehen habe, ein Museum, eine Galerie, eine Veranstaltung“, erklärt Gülcin. In drei Geschäften kann man ihre Mode kaufen. Es sind exklusive Läden: Lässt sich eine Frau ein Kleid von Gülcin auf dem Leib schneidern, kann das schon mal umgerechnet 6000 Euro kosten. Nicht umsonst gibt es Modegeschäfte im reichen Dubai, die ihre Mode führen.

Inspiration durch ein altes Schloss in der Toscana

Gülcins aktuelle Kollektion allerdings ist nicht von Eindrücken aus Istanbul geprägt. Fast mittelalterlich wirken einige Teile, man erkennt die Andeutung von Stacheldraht, manches wirkt wie ein Harnisch, dazu viel Leder. Die Frauen, die es auf der Istanbul Fashion Week in diesem Jahr trugen, sahen wehrhaft aus, stark, fast wie Amazonen. Frauen müssen stark sein, sagt Gülcin. „Mich hat ein uraltes Schloss in Italien nahe Florenz inspiriert, das Castello di Sammezzano, das ich auf einer Reise zufällig entdeckt habe.“ Dort  hat sie herrliche, farbigen Fresken entdeckt, fast 300 Jahre alt, und viel Pathos. Das Castello hat 365 Räume, ein Raum für jeden Tag, und jeder ist anders gestaltet. Und es ist verlassen, leider, und es darf fast nie betreten werden, „auch das wollte ich in der neuen Kollektion zum Ausdruck bringen.“ Darum der Stacheldraht. Das es nicht wie früher als Hotel genutzt würde, sei „eine Schande“.

Wenn ein Anruf aus Paris käme und ein berühmtes Haus um ihre Dienste anfragte, was würde sie tun? „Nichts“, sagt Gülcin trocken. Paris sei beruflich weniger spannend als andere Städte. Sie findet ohnehin, man sollte sich nicht zu lange an einem Ort aufhalten, fünf Jahre vielleicht. Wo auch immer sie als nächstes landet: Den Weg dorthin wird sie konsequent gehen.

Autor Christian Sobiella