Porträt

Die Bio-Pionierin

Auf ihrem Bauernhof verbindet Gürsel Tonbul traditionelle und ökologische Landwirtschaft. Ganz so, wie es ihre Großeltern vorgelebt hatten.

Im Geist der Großeltern

Wenn Gürsel Tonbul von ihrer Kindheit und Jugend erzählt, wird alles klar. Von der Zeit, die sie auf dem Bauernhof ihrer Großeltern bei Antalya verbrachte. Der Vater, ein Regierungsoffizier, reiste viel, die Mutter begleitete ihn dabei. „Meine Oma und mein Opa waren die ersten Lehrer für mein Leben“, sagt Gürsel. Sie hätten ihr beigebracht, andere Menschen mit Respekt zu behandeln. Auch, wie man mit Tieren umzugehen hat. Und: Wie wichtig die Herstellung gesunder Lebensmittel sind. „Ihre Grundsätze sind zu meiner Lebensphilosophie geworden.“

Heute ist Gürsel selbst Landwirtin. Was sie von den anderen Bauern hier in Davutlar südlich von Kuşadası unterscheidet: Alles, was auf ihrem Hof mit seinen 100 Hektar und den dazugehörigen weiteren 100 Hektar Land in der Umgebung wächst, ist bio-zertifiziert. Ein Rundgang über den „Park“, wie Gürsel den Hof nennt, führt vorbei an einem Teich, an Feldern, an Gewächshäusern und Ställen. Oliven, Zitrusfrüchte, Salat, Wein, Pfirsiche, Mais, Aprikosen, Tomaten, Bohnen und vieles mehr gibt es, alles bio. Auch die Tiere wie Milchkühe, Rinder, Ziegen oder Hühner werden nach ökologischen Gesichtspunkten gehalten. Die Energie, die für die Verarbeitung der Produkte nötig ist, wird umweltfreundlich aus Holz gewonnen. Angefangen hat Gürsel damit vor über 20 Jahren. In der Türkei ist sie damit eine echte Pionierin.

„Das traditionelle Wissen ist immer noch wertvoll für uns”

Gürsel Tonbul

„Zum ersten Mal lernte ich Bio-Produkte in der Schweiz und Deutschland kennen“, erinnert sich Gürsel. Diese Art der Landwirtschaft, das sei ja so, wie ihre Großeltern es machten, dachte sie. Dann las sie einen Artikel in einem französischen Magazin über den Zusammenhang von industriell hergestellten Lebensmitteln und Krebserkrankungen. Gürsel war klar: „Ich möchte Bio-Landwirtin werden.“ Da war sie etwas über 30 Jahre alt. Bio bedeutete für sie: Die traditionelle Landwirtschaft der Großeltern, die ganz ohne Chemie auskam. „Dieses traditionelle Wissen ist immer noch wertvoll für uns“, sagt Gürsel. Das möchte sie auch ihren Enkeln mitgeben.

 

 

Das Land und ein altes Haus darauf besaß die Familie schon. Auch eine Mühle steht dort, sie gibt dem Ort seinen Namen: Değirmen. Vor 30 Jahren hatten Gürsel und ihr Mann Hasan beides gekauft. Es sollte ein Wochenend-Refugium sein vom stressigen Job im Hotelgewerbe, manchmal verbrachte sie ihre Ferien dort. 1995 dann zog sie ganz hierher – und baute erst einmal das Gebäude, in dem sich heute das Restaurant Değirmen des Parks befindet, heute ein Tempel für Gourmets. „Das Gelände ist wie ein Lebewesen, das gepflegt werden will. Und jedes Jahr kam etwas Neues dazu“, sagt Gürsel. „Meine Familie sagte erst, das sei ja ein ziemlich teueres Hobby. Dann: Ok, nimm die Farm und mach was draus.“ Gürsel nennt ihre Landwirtschaft auch „Institut für biologische Landwirtschaft“ – sie probierte viel aus, musste Rückschläge verkraften, an manchen Stellen wieder von vorne anfangen.

 

 

In den ersten fünf Jahren konnte sie sich außerdem nicht als Bio-Betrieb registrieren lassen. Es gab schlicht kein Gesetz und keine Bestimmungen für solche Höfe. Erst im Jahr 2000 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass man sich als landwirtschaftlicher Betrieb bio-zertifizieren kann. Jedoch, so sagt Gürsel: „Alles sollte registriert, geprüft und niedergeschrieben werden. Aber die Sache war so neu, dass niemand wirklich Ahnung davon hatte.“

Doch mit den Jahren ging es aufwärts. Neue Gebäude kamen dazu, ein Hofladen und kleine Häuschen für die Angestellten, mehr Flächen, mehr Produkte.Vor zehn Jahren dann kreierte sie ihr eigenes Label „Yerlim“, um ihre Produkte selbst zu vermarkten. „Ein eigenes Label ist wichtig für die Geschäfte in den größeren Städten. Dort zählt nicht nur die Qualität der Produkte, sondern auch die Art, wie sie dargestellt werden.“ Mittlerweile zählt Gürsel Hof zu den landwirtschaftlichen Vorzeigeunternehmen. Regierungsvertreter kämen zu Besuch, Interessierten aus aller Welt, Universitäten schickten Vertreter.

 

 

Es konnte ja nur ein Entscheidung des Herzens gewesen sein, sagt Gürsel, wenn sie an die Anfänge denkt, anders ist es gar nicht möglich, so etwas aufzubauen. Es sei wirklich harte Arbeit gewesen. Und auch wenn manchmal Streit gegeben hätte – das Geld, der Stress, die Verantwortung – ohne ihren Mann hätte sie es nicht geschafft. Die Liebe zur Natur teilen beide. Auch er wuchs auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf, zwischen Olivenbäumen, Weinstöcken und Tabak. Heute bietet er auf Wunsch in seinen Hotels Bio-Produkte von „Yerlim“ an. „Wir sind wie Topf und Deckel“, sagt Gürsel. Dann schweift ihr Blick über den „Park. „Und das ist daraus geworden.“

Autor Christian Sobiella