Porträt

Auswanderer Matthias Weimer

In einer kleinen Gasse an der Istanbuler Fußgängerzone liegt ein kleines Geschäft, das besonderen Schmuck aus der ganzen Türkei verkauft. Inhaber ist ein deutscher Auswanderer.

Mein Leben in Istanbul 

Etwas versteckt liegt es, das Juweliergeschäft „Seyahan“. Man geht die Istanbuler Einkaufsstraße İstiklâl hinauf in Richtung Taksim-Platz und biegt auf halbem Weg in eine enge Gasse ab. Nach ein paar Metern öffnet sich dann der kleine Innenhof „Hazzopulo“, an dessen Ende das Seyahan liegt. Uns sagte man, dass der Geschäftsinhaber ein Deutscher ist und ganz besonderen Schmuck anbietet: von Kunsthandwerkern mit typischen Techniken aller möglichen Regionen in der Türkei hergestellt.

„Trabzon Hasırı zum Beispiel,“ erklärt Matthias Weimer, „ist eine Technik aus der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer.“ Sehr feine Fäden aus 925er Silber, 30 Mikrometer dünn, werden zu einer Art Fischgrätenmuster verwoben, daraus fertigen die Kunsthandwerker von Trabzon breite Armreife, Gürtel oder Colliers. Bräute bekämen ein Set aus Trabzon Hasırı von ihren Verlobte geschenkt als Zeichen der Hoffnung und des Wohlstands, sagt Matthias.

Die beste Stadt, um sich selbstständig zu machen

Seit 2010 lebt Matthias, der aus Miltenberg am Main stammt, in Istanbul. Und der Schmuckladen ist nicht seine erste Geschäftsidee. Eigentlich ist er Chemiker. Als Matthias nach dem Studium ein Management-Trainee-Programm absolvierte, das ihn auf eine Karriere in einem Unternehmen vorbereiten sollte, wurde ihm klar: „Da will ich gar nicht hin, das ist nicht meins.“ Er wollte sich unbedingt selbstständig machen, „das liegt bei uns in der Familie.“ Und es sollte hier in Istanbul sein. Nach seiner Masterarbeit in Chemie ist er hier 2007 hier durchgereist und gesehen, dass Istanbul ein „extrem dynamischer“ ist Ort. In dieser Stadt wollte er etwas Eigenes auf die Beine stelle. Auch, weil das in Istanbul mit wenig Geld möglich ist.

Mit dem Ersparten, das er sich bei einem Job in einem Unternehmen in der Schweiz verdiente, zog er vor sechs Jahren an der Bosporus. Doch alles, was er anpackte, floppte vorerst. „In den Laden bin ich dann erst als Geschäftspartner gekommen und habe ihn dann umgebaut.“ Das mit dem Schmuck hätte sich Schritt für Schritt ergeben. „Ich reise gerne und viel, auch in der Türkei.“ Auf diesen Reisen hat er viele Kunsthandwerker kennengelernt und war fasziniert von deren Kollektionen, die er ab 2011 peu à peu ins Angebot des Seyahan mit aufnahm. Das Konzept stand nun fest: Er wollte handgearbeiteten Schmuck aus verschiedenen Region der Türkei verkaufen

Mittlerweile gibt es drei Schmuckläden

Es ist ein recht erfolgreiches Konzept: Schon ein halbes Jahr nach der Eröffnung des Seyahan machte er einen zweiten Laden auf, seit 2015 hat Matthias sogar drei Geschäfte. Man darf durchaus behaupten, Matthias sei umtriebig: Seit fünf Jahren offeriert er zusammen mit der Architektin Ciğdem Arsu Ferienwohnungen im Viertel Beyoğlu nahe der İstiklâl. Ciğdem ist seit 2011 hier, eigentlich aus Halver im Sauerland und aus ähnlichen Gründen wie Matthias nach Istanbul gekommen: Sie war überarbeitet, wollte sich selbstständig machen – und das konnte sie am Bosporus.

Leben können und wollen sie von den Mieteinnahmen nicht, aber es reicht, die Grundkosten zu decken und wenige Angestellte zu bezahlen. Ciğdem leitet unter anderem Bauprojekte für das deutsche Auswärtige Amt, Matthias hat seine Schmuckgeschäfte. Unlängst hat er auch in Berlin einen Tisch in einem Geschäft für seine Stücke angemietet. Dort können die Kunden jetzt unter anderem Schmuck kaufen, der von Kunsthandwerkern in osttürkischen Midyat nach antiken Techniken aus Mesopotamien hergestellt wird.

Autor Christian Sobiella