Reisebericht

Unter Segeln

Komm doch mit, sagte mein Freund Frank, wird sicher lustig. Eine Woche auf einem Boot in der Türkei, zusammengepfercht mit 12 anderen, von denen ich niemanden kenne? Nichts für mich, mein lieber Frank. Der ist aber keiner, der so leicht aufgibt. Ich gab schließlich nach, eigentlich Frank zuliebe – und erlebte einen meiner schönsten Urlaube überhaupt.

Tag 1: Ankunft am Flughafen Dalaman

Am Ausgang wartet ein weißer Kleinbus. Dort stehen schon die Mitsegler, fünf Frauen, fünf Männer und das Pärchen, dass im Flieger zwei Sitzreihen hinter uns saß und immer wieder Sekt geordert hatte. Ich rolle mit den Augen, Frank zuckt mit den Schultern. Es ist heiß, mindestens 35 Grad im Schatten, und ich freue mich auf die Klimaanlage in unserem Bus, immerhin sind es knapp 90 Kilometer bis nach Marmaris, dem Startpunkt unseres Törns. Unser Fahrer jedoch, ein freundlicher, kugelbäuchiger Mittfünfziger, entschuldigt sich im besten Deutsch. Die Klimaanlage sei defekt, aber gesund sei das ja ohnehin nicht, dieses ständige rein ins Kalte, raus in die Hitze. Stattdessen hält er zweimal auf der Strecke unter einer Art Dusche für Automobile und lässt es aufs heiße Blechdach regnen.

„Unser Schiff ist eine prachtvolle Gulet, ganz aus Holz”

Im Hafen von Marmaris dann: ich hatte ein klassisches Segelboot erwartet, doch unser Schiff ist eine prachtvolle Gulet, ganz aus Holz, wunderhübsch und mit zwei Masten für Segel. Kapitän Uğur, der ein bisschen aussieht wie ein orientalischer Pirat, begrüßt uns, stellt den Koch Nasip und den Matrosen Yasin vor – und seinen kleinen Sohn Mesut, den er mitnimmt auf die kleine Fahrt, schließlich sind ja Schulferien. Wir bringen unser Gepäck in die Zwei-Personen-Kajüten, die wir in den nächsten Tagen höchstens betreten, um die Kleidung zu wechseln. Unser Leben spielt sich ab jetzt auf Deck ab, im Wasser oder an Land bei Ausflügen.

Tag 2: Die erste Nacht an Bord

Frank, ich und die anderen Passagiere waren am Abend zuvor in den Gassen von Marmaris unterwegs. Die Reisegruppe hat sich beschnuppert, für gut gefunden und diese Tatsache mit ein paar Gläsern Raki gefeiert. Nasip, der Koch, stellt ein kleines, aber feines Frühstück hin. Und viel Kaffee und Tee. Kapitän Uğur legt währenddessen ab. Das Wasser ist spiegelglatt und satt türkis, der Diesel unserer Gulet tuckert einschläfernd vor sich hin, wir dösen in der Vormittagssonne. Mittags ankern wir in einer Bucht vor Ekincik. Wir spüren die Mittagshitze. Uğur weiß, was seine Passagiere jetzt brauchen. Er fährt einen Mastbaum aus, so dass er über Bord ragt. Unser Sprungbrett. Während Frank nach dieser sportlichen Herausforderung es vorzieht, weiter zu dösen, entscheide ich mich für den Ausflug nach Kaunos. Ein römisches Theater, große Thermen, eine Agora, ein Tempel, ein Gymnasion, Hafenanlagen – als ehemaligen Latein- und Griechischschüler zieht es mich da hin. Abends dann: Essen, gute Musik, Wein, Raki und diese nette Frau mit dem leicht kölschen Dialekt. Die Gruppe schläft auf dem Achterdeck. Wie immer.

Tag 3: 24 Stunden

24 Stunden. So lange dauern jeder Tag auf unserer Fahrt. Nicht gefühlt 12 oder 14, so wie im Alltag zuhause. Das hätte ich nicht gedacht: Ich entschleunige. Frank habe ich auch schon lange nicht mehr so entspannt erlebt. Wir frühstücken.

„Das hätte ich nicht gedacht. Ich entschleunige.”

Ugur lässt den Anker einholen. Koch und Matrose lesen unsere Wünsche. Wir ankern und springen ins Wasser. Einige schnorcheln, andere schaukeln auf Luftmatratzen auf dem Wasser. Und wir dösen im Schatten der Sonnensegel an Bord. Die Bucht, in der wir heute übernachten, liegt bei Kizil Ada. Rote Insel bedeutet das, sagt Uğur.

Tag 4: Fethiye und Saklikent

Unsere Gulet nimmt Kurs auf die kleine Hafenstadt Fethiye. Es kommt Wind auf und es scheint, als hätte Uğur nur darauf gewartet: Er setzt die Segel. Er sei einer der wenigen, der eine Gulet auch segeln könne, sagt Uğur stolz. Und tatsächlich: Während sich unser Schiff schräg legt im Wind, die Masten ächzen und die Segeln knattern, überholen wir andere Gulets, die ruhig dahingleiten, angetrieben nur von ihren schnöden Motoren. Wir jubeln wie die Teenager. Erster! In Fethiye dann steigen wir um in einen Bus. Der bringt uns nach Saklikent in den berühmten Canyon. Angenehm kühl ist es dort zwischen bis zu 300 Metern hohen Felswänden, das Wasser des Flusses fast schon kalt. Wir sitzen auf Teppichen und essen zu Mittag. Die Frau aus Köln setzt sich neben mich.

Tag 5: Göcek

Die Nacht in Fethiye weicht einer stillen Morgenröte. Wir sind müde, auch etwas verkatert. Natürlich mussten wir mit Uğur auf seine Segelkünste anstoßen. Wir haben getanzt, zu Popmusik und zu türkischer Folklore. Nasip, der Koch, hat uns einige Tanzschritte beigebracht. Die meisten von uns wollen zum Frühstück nur Kaffee. Uğur, der als letzter im Bett war, kennt keine Pause. Am Samstag müssen wir wieder zurück in Marmaris sein. Auf geht’s in eine Bucht der Insel Göcek. Als wir ankommen, wacht Frank auf. Das Wasser ist kristallklar, die Kölnerin fragt, ob ich mit ihr schnorcheln will. Na klar!

Gulet

Gulets werden an der türkischen Küste seit Jahrhunderten aus Holz in Skelettbauweise gefertigt. Einst von Fischern und Schwammtauchern genutzt, haben sie sich zu eleganten Charterbooten gewandelt. Traditionell besitzen Gulets zwei Masten, heute gibt es auch Dreimaster mit einer Länge von bis zu 45 Metern. Die größte Werft für die Motorsegler befindet sich in Bodrum, Herstellungsorte sind unter anderem auch Marmaris und Fethiye. Zitat Wikipedia: „Gulets fahren meist unter Motor. Aufgrund der mäßigen Segeleigenschaften und dem Mangel an erfahrenen Seglern werden die Segel nur selten gesetzt.“

Tag 6: Sternenhimmel

Drei Buchten laufen wir heute an. Eine davon heißt Bedri Rahmi, benannt nach einem türkischen Künstler, der für seine Malerei und seine Mosaike berühmt war und dessen Werke man in alten Istanbuler Restaurants ebenso findet wie in Museen, sogar in der türkischen Botschaft in Bonn. Am Ende des Tages landen wir in einer Bucht bei Ağa Limani. Unsere Gulet ist die einzige hier. Wir liegen auf dem Rücken und betrachten die Sterne. Uğur, fragt Frank, wie kommt es, dass wir alleine sind. Der Kapitän zwinkert mit dem rechten Auge. Ich kenne eben die besten Buchten und Strände, soll das wohl heißen.

Tag 7: Marmaris

Marmaris rückt näher. Nicht nur ich bin etwas wehmütig, eine Woche Gulet kommt einem plötzlich viel zu kurz vor. Zwei Stopps in ruhigen Buchten lenken uns ab, wir tollen im Wasser, veranstalten eine Mini-Olympiade mit Wasserspringen, Luftmatratzen-Regatta und Tauchwettbewerb. Erst am Abend laufen wir im Hafen von Marmaris ein. Koch Nasip hat sich zum Ende der Reise nochmal besonders Mühe gegeben. Wir speisen lange, reden noch länger und wollen nicht, dass der Tag endet. Einmal noch werden wir auf der Meryem schlafen, einmal noch auf ihr frühstücken, dann geht’s zurück zum Flughafen. Frank fragt, ob ich nächstes Jahr wieder mitkomme. Ich blicke zur Frau aus Köln. Und nicke.

Autor Christian Sobiella