Kultur

Herr der Ölpressen

Gürsel Tonbuls Mann Hasan sammelt leidenschaftlich alles, was mit der Herstellung von Olivenöl zu tun hat. Seit fünf Jahren können Besucher die Exponate im Oleatrium bewundern.

Es muss ein lustiges Durcheinander geherrscht haben auf dem Hof Değirmen. Denn Hasan, der Mann von Gürsel Tonbul, hat eine ungewöhnliche Leidenschaft, die er ausgiebig pflegt: Er sammelt alles rund die Herstellung von Olivenöl. Je älter und ausgefallener, desto besser. Fast von jeder seiner Reisen bringt er ein Stück mit. Das kann eine antike Öllampe aus Ton sein. Oder eine Amphore. Aber wenn Hasan es für nötig hält, lässt er schon mal eine tonnenschwere elektrische Presse vom Anfang des 20. Jahrhunderts abbauen und anliefern. Oder einen alten Pferdewagen. Oder einen Traktor von 1950. Oder...

Das Problem: Hasan reist ziemlich viel, und das seit 30 Jahren. „Mir stand dann irgendwann zu viel hier herum“, sagt Gürsel. Ok, sagte sie zu ihrem Mann eines Tages, lass uns überlegen, was wir mit dem ganzen Kram anfangen können. Zusammen entwickelten sie Idee eines Museums, das die Geschichte der Olivenölherstellung behandelt. 2007 dann starteten sie das Projekt „Oleatrium“. Sie entschieden, den Zeitraum von vor 2500 Jahren, der sogenannten Ionischen Ära, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts abzudecken. „Vor 2500 Jahren beginnt die dokumentierte Geschichte der Verarbeitung von Oliven zu Öl in Anatolien“, erklärt Gürsel.

„Der Besucher soll das Gefühl bekommen, einen Zeittunnel zu betreten.”

Gürsel Tonbuls

In der Ionischen Ära startet seit der Eröffnung im Juni 2011 auch der Rundgang durch´s Museum: In 100-Jahres-Schritten geht es von der Verarbeitung mit blanken Füßen 500 vor Christus über die römische und byzantinische Epoche, in den schon komplizierte Ölpressen konstruiert wurden, bis zum Anfang des 20 Jahrhunderts mit den ersten elektrischen Anlagen in 11 Stationen durch großzügig gestaltete Räume. „Das Oleatrium soll dem Besucher das Gefühl geben, einen Zeittunnel zu betreten“, sagt Gürsel. Sie trug die Hauptverantwortung bei der Planung und dem Bau des Gebäudes, das auf 3000 Quadratmetern Grund steht.

„Ob Nachbauten oder Original: Alle Pressen sind voll funktionsfähig.”

Gürsel Tonbuls

Gürsel und Hasan trieb auch die Liebe zum Detail: Die antiken Pressen zum Beispiel ließen sie originalgetreu nach Abbildungen bauen, die in Klazomenai in der Nähe von Urla bei Izmir gefunden wurden. In dem ionischen Landstrich zeigten sich bei Ausgrabungen Skulpturen und kulturgeschichtliche Zeugnisse, die unter anderem im Archäologie-Museum von Izmir ausgestellt sind. 80 Prozent der Ausstellungstücke jedoch machen die Mitbringsel von Hasans Reisen aus. Doch ob Nachbauten oder Original: Alle Pressen sind voll funktionstüchtig. Bis zur Eröffnung des Oleatriums wurden in jeder der Maschinen probeweise Oliven der letzten Ernte kalt gepresst.

Bis zu 20.000 Besucher kommen jährlich ins Oleatrium, je zur Hälfte Touristen und Landsleute. Das freut die Tonbuls, denn das Eintrittsgeld trägt fast schon den Unterhalt des Museums. Für Gürsel aber ist die Freude doppelt groß: Auf ihrem Bio-Hof herrscht kein Durcheinander mehr.

Autor Christian Sobiella