Kultur

Ausflug ins Dorf Şirince

Das kleine Dorf Şirince wirkt wie aus der Zeit gefallen. Im griechischen Stil erbaut, ist es ein sehenswertes Tagesziel.

Ahmet drückt nochmal aufs Gas. Jetzt müsste er doch bremsen... Wir sind unterwegs auf der Straße von Selçuk hinauf in das 350 Meter höher gelegene Şirince. Knappe acht Kilometer sind das, nur, möchte man meinen. Doch rechts von uns geht es oft steil nach unten. Leitplanken? Fehlanzeige! Es sind spannende acht Kilometer. Unser Bus steuert auf eine enge Kurve zu. Die Ahmet fast ohne zu bremsen nimmt.

In Şirince wähnt man sich mitten in Griechenland. Die Häuser sind in typisch griechischem Stil erbaut und schmiegen idyllisch an einen Hang. Das hat natürlich einen Grund: Hier lebten bis in die 1920-Jahre christliche Griechen. Zur Gründung des Ortes gibt es viele Geschichten. Die Bewohner von Ephesos könnten es gewesen sein, um einen Rückzugsort zu haben, oder Sklaven, die flohen und sich hier niederließen. Çirkince, Hässlichkeit, sollen sie den Ort genannt haben, damit niemand ihm sich nähert.

Als wir nach der rasanten Fahrt wohlbehalten ankommen, erwartet uns – neben einem imposant großen Parkplatz – die erste Sehenswürdigkeit: Ein über 250 Jahre altes Gebäude, einst eine Schule, heute Museum. Das beherbergt unzählige Dokumente Bilder, die alle die geschichtliche Entwicklung des Schulwesens in der Türkei erzählen. Unser Gang durchs Museum ist kurz. Lieber setzen wir uns an die Tisch auf der Terrasse des Restaurants, das im Museum untergebracht ist. Typische Gerichte in hoher Qualität gibt es dort. Und ortstypische Getränke: Einige der Bewohner von Şirince keltern Fruchtweine aus Äpfeln, Sauerkirschen, Pfirsichen und Erdbeeren.

 

 

In den 1920er-Jahren führten Griechenland und der anatolische Teil des ehemaligen Osmanischen Reiches Krieg. Zum Glück haben die beiden Länder 1923 Frieden geschlossen. Ein Punkt im Friedensvertrag war ein Bevölkerungsaustausch: Die Griechen zogen weg zu den Inseln der Ägäis, die Türken kamen zurück ans Festland. Auch die Bewohner der Hässlichkeit mussten ihr Dorf verlassen. 1926 taufte der damalige Gouverneur von Izmir den Ort auf Şirince, türkisch für Freundlichkeit.

Freundlich, dass sind die vielen Verkäuferinnen und Verkäufer an ihren Ständen mit Wein, Oliven, Olivenöl, Früchten, allerlei Handgemachtes, aber auch Souvenirs und Kitsch für Touristen. Wir erfahren, dass Şirince unter Denkmalschutz steht und im Sommer ganz schön voll ist. Längst haben Touristikunternehmen das idyllische Örtchen entdeckt, US-Talkerin Oprah Winfrey soll hier vier Tage verbracht haben. 530 Einwohner leben hier, im Sommer kommen nochmal 1000 dazu, Türken, die hier ihren Zweitwohnsitz haben. Wir schlendern durch die Gassen, manchmal geht es steil bergauf, zum Beispiel zur Johanneskirche. Für Leute, die nicht gut zu Fuß sind, ist Şirince nicht geeignet. 

 

 

Şirince galt einst auch ein religiöses Zentrum, die Jungfrau Maria soll dort in den Himmel aufgefahren sein. Andere glauben, dass hier der Geburtsort der griechischen Jagd- und Fruchtbarkeitsgöttin Artemis ist. Im Dezember 2012 schaffte es der Ort weltweit in die Schlagzeilen. Tausende Endzeitjünger pilgerten nach Şirince – weil sie glaubten, das Städtchen werde vom Weltuntergang verschont. Sie erwarteten, dass sie nach einer neuen Sintflut von einer Art Arche Noah gerettet werden.

Unsere Arche Noah wartet unten auf dem Parkplatz. Wir stellen fest, das Şirince einen Ausflug wert ist. Im Herbst zum Beispiel, da findet ein großes Kunst- und Kulturfestival statt. Günstig liegt das Dorf ja, Kuşadasi und seine Strände sind nur 28 Kilometer entfernt, die Autofahrt nach Izmir dauert ungefähr eine Stunde. Und die acht Kilometer Serpentinen, die hält man schon aus. 

Autor Christian Sobiella